NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 2. September 1998, Forschung &Technik

 

Wo jagen die Grossen Mausohren?

Simulation von Flugrouten in virtuellen Landschaften

few. Sommer für Sommer ziehen rund 250Grosse-Mausohr-Weibchen ihre Jungen im Dachstock der katholischenKirche Steinen (Kanton Schwyz) auf. Jeden Abend schwärmen dieTiere von dort zur Insektenjagd in die nahen Wälder aus, wo siehauptsächlich flugunfähige Laufkäfer erbeuten. Wogenau die Tiere jagen und auf welchem Weg sie in das Jagdreviergelangen, lässt sich jedoch nur mit aufwendiger Telemetrieermitteln, legen die wenigen und äusserst mobilen Tiere dochDistanzen von bis zu 15 Kilometern zurück. Ein eleganterer Weg,um diese Fragen zu beantworten, eröffnet sich durch den Einsatzeines geographischen Informationssystems (GIS). Sigrid Hehl-Lange vomInstitut für Orts-, Regional- und Landesplanung der ETHZürich hat mit Hilfe eines solchen Systems die Raumnutzung desGrossen Mausohrs im Raum Steinen untersucht. Ihre Studie zeigt auf,dass sich der Fledermausschutz nicht nur auf die Sicherung derWochenstuben und Winterquartiere beschränken kann, sondern dassdie Erhaltung einer vernetzten Landschaft eine ebenso wichtigeVoraussetzung für das Gedeihen dieser Tiere ist.

Für die Landschaftsplanerin sind Fledermäuse deshalb vonInteresse, weil sich anhand dieser Tiere exemplarisch untersuchenlässt, wie sich die Nutzung des Raumes durch Landwirtschaft,Besiedlung und Verkehr auf die Tierwelt auswirkt. Fledermäusesind auf verschiedene Lebensraumtypen angewiesen und reagieren daherpotentiell besonders sensibel auf Eingriffe, welche den Charakter derLandschaft verändern.

Die GIS-unterstützte Simulation der Raumnutzung vonFledermäusen basiert im wesentlichen auf zwei Elementen. Zumeinen müssen spezifische Informationen über die Tiereberücksichtigt werden, etwa, in was für Gebieten die Tierejagen, wo sie Schutz finden und wie sie sich orientieren. Zum anderensetzt eine Berechnung der Flugwege auch ein detailliertesGeländemodell voraus. Dieses muss nicht nur diegrossräumige Topographie, sondern auch einzelne Gebäude,freistehende Bäume und Hecken erfassen. Da die Grossen Mausohrennur in denjenigen Waldgebieten jagen, bei denen der Boden nichtbedeckt ist, musste eine aus Luftbildern interpretierteWaldkartierung zugezogen werden, damit die potentiellen Jagdgebieteausgeschieden werden konnten.

Diese Datenerhebung ist zwar ebenfalls recht aufwendig; einmalerarbeitet, stellt ein solches Geländemodell jedoch einflexibles Arbeitsinstrument dar. Auf Grund der Simulationenlässt sich in einer virtuellen, dreidimensionalen Landschaftnachvollziehen, wo die Fledermäuse jede Nacht durchfliegen. DieBerechnungen haben ergeben, dass die Grossen Mausohrenausgeräumte Landwirtschaftsgebiete meiden. Auch die Autobahnstellt ein Hindernis dar, das nicht ohne weiteres überquertwerden kann. Hingegen üben Räume, welche beispielsweisedurch Obstbäume strukturiert sind, für die GrossenMausohren eine wichtige Funktion aus. Nur wenn solche Gebietevorhanden sind, ist es diesen Fledermäusen möglich, vonihren Wochenstuben in die Jagdreviere zu gelangen. Denn dasOrientierungssystem der Grossen Mausohren ist darauf ausgelegt,entlang von Strukturen einen Weg zu finden.

Interessante Perspektiven eröffnen sich mit solchenLandschaftsmodellen aber auch, wenn diese als Planungsinstrumenteingesetzt werden. So liesse sich damit beispielsweise auchabschätzen, was für Folgen die Erstellung von neuenVerkehrswegen oder das Entfernen von Hecken haben könnte. AmBeispiel des Grünspechts und verschiedener Amphibienarten werdenweitere Funktionen der verschiedenen Lebensräume in derLandschaft aufgezeigt. Hehl erwähnt hier die Möglichkeit,mit Hilfe der Computersimulationen die Barrierewirkung von Strassenund Bahnlinien zu berechnen und darzustellen. Mit einem solchenModell lässt sich beispielsweise die positive Wirkung vonAmphibien-Tunneln, welche die Autobahn queren, und den damitverbundenen Leitsystemen darstellen.

 

Quelle: Natur und Landschaft 73, Heft 6, 256 - 260 (1998).

http://www.orl.arch.ethz.ch/Lange/goldau/goldau.html